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Hebelache und Nassebett Sterzhausen


Naturnahe Auen sind sehr dynamische Lebensräume. Die Kraft des fliessenden Wassers gestaltet dabei nicht nur das Bett, sondern bei Hochwasser auch die gesamte vom Gewässer durchflossene Aue: Boden wird abgetragen und wieder abgelagert, es entstehen Kolke, neue Gerinne, Altarme, trockene Kiesinseln und zuletzt Auwald. Vielfach existieren diese nach einem Hochwasser herausgebildeten Lebensräume nur bis zum nächsten Hochwasser, manchmal sind sie jedoch auch dauerhaft, vor allem dann, wenn sich Gehölze ansiedeln können, die dem Wasser wiederstehen.

In unserer heutigen Kulturlandschaft sind naturnahe Auen kaum mehr vorhanden. Die Regulierungen der letzten Jahrzehnte haben Bäche und Flüsse in ihr Bett gedrängt, der sommerhochwasserfreie Ausbau schneidet die Auen vom Fließgewässer ab und ermöglicht eine intensive landwirtschaftliche Nutzung oder Besiedlung.

Was bisher geschah ...

Das Projekt ‚Lahnfurkation Sterzhausen’, das in der Trägerschaft der Gemeinde Lahntal steht, begann bereits Mitte der 1990er Jahre. Ziel war, alte Parallelgerinne der Lahn zwischen Caldern und Sterzhausen zu regenerieren und einen Beitrag zum Hochwasserschutz zu leisten. Neben der Schaffung neuer Wasserrückhalteräume sollte aber auch der Naturschutz eine bedeutende Rolle spielen. Hierfür wurden breite Uferzonen um die einzelnen Gerinne etabliert, die sich heute auf etwa 35 ha Fläche summieren. Da eine größtmögliche Dynamik im Projektgebiet verfolgt wurde, sollten sowohl die sommertrockenen Gerinne als auch die Uferzonen nicht der Sukzession zu Auwald überlassen werden, sondern eine Beweidung das Aufkommen von Gehölzen weitgehend unterbinden. Damit bieten sich dem kiesigen Boden bei Hochwasser Umlagerungsmöglichkeiten, die zu ständig wechselnden Lebensräumen führen. Die Beweidung erfolgt in einer Großkoppel mit ganzjähriger Bestückung durch robuste Tierrassen. Eine zunächst etablierte Schafsbeweidung wurde aufgegeben und nach der Erweiterung des Projektgebietes durch Fjordpferde und Tiroler Grauvieh ersetzt.

'Wilde Weiden'

Großflächige extensive Ganzjahres-Beweidungssysteme haben sich in den letzten 10-15 Jahren in Deutschland von einem kritisch betrachteten Experiment zu einem anerkannten und kostenextensiven Verfahren des Naturschutzes entwickelt. In den hierdurch entstehenden halboffenen Weidelandschaften, die oftmals Zentren der Biodiversität von Offenland und Arten der Wald-Offenland-Übergänge darstellen, kann eine Vielzahl von ungelenkten Prozessen ablaufen. Dieses Konzept bietet auch eine langfristige ökonomische Perspektive für eine extensive Grünlandwirtschaft. Aufgrund der hohen Attraktivität halboffener Weidelandschaften und ihrer oft urtümlich anmutenden Weidetiere können sie auch einen Beitrag zur Förderung der regionalen Erholung bzw. des Tourismus leisten (Jessel in Bunzel-Drüke et al. 2008).

Diese Eigenschaften ‚wilder Weiden’ werden auch im Projekt Hebelache und Nassebett genutzt, indem hoch dynamische Lebensräume mit einer weitgehend ungelenkten Pflege durch Fjordpferde und Tiroler Grauvieh unterstützt werden.

Das Fjordpferd

Das norwegische Fjordpferd ist eine der ältesten Pferderassen der Welt und entstand aus den Pferden der Wikinger. Es stammt aus dem westlichen Norwegen, wo die Landschaft von schroffen Bergen und den typischen norwegischen Fjorden geprägt ist. Die Ursprünglichkeit dieser Rasse spiegelt sich in ihrer Färbung wieder, die mit Aalstrich in fünf Schattierungen und teils dunklen Zebrastreifen an den Beinen an die Zeichnung der Wildpferde erinnert.

Fjordpferde eignen sich aufgrund ihrer Robustheit besonders gut für die ganzjährige Landschaftspflege, da sie auch mit geringerwertiger Nahrung zurecht kommen. Im Winter können sie sogar Wurzeln ausgraben und mit den Hufen Schnee beiseite scharren, um an die restlichen Grashalme zu kommen. Pferde sind zudem durch ihre Menschenfreundlichkeit leicht zu managen und besitzen eine hohe Attraktivität für Besucher von Naturschutzprojekten.

Das Tiroler Grauvieh

Das Tiroler Grauvieh ist eine alte österreichische Robustrinderrasse, die sich an extreme klimatische Verhältnisse in der Freilandhaltung mühelos anpassen kann. Typische Kennzeichen sind seine silber- bis eisengraue Farbe, sein hell umsäumtes dunkles Maul, seine harten Klauen, seine Robustheit und seine Futtergenügsamkeit. Durch diese Genügsamkeit, die ausgeprägte Geländetauglichkeit und die gute Futterwertung (die Rasse ist auch noch auf extensiven Flächen produktiv) eignet sich das Tiroler Grauvieh ausgezeichnet zur schonenden Bewirtschaftung extensiver Wiesen und Weiden.

Neben dem Pferd sind Robustrinder die wichtigsten Weidetiere vor allem auf nicht zu nährstoffreichen Flächen. Zudem lässt sich das hochwertige Fleisch gut vermarkten und bietet so eine zusätzlich Einnahmequelle.

Rinder unterstützen in einem gemischten Besatz mit Pferden die Offenhaltung der Grünlandflächen, verhindern das Aufkommen von dichtem Auwald und tragen zur Biodiversität im Projektgebiet bei.

Pflegemanagement

Etwa 20-25 Fjordpferde und 5 Rinder mit ihren Kälbern grasen das ganze Jahr auf der Koppel, wobei sie sich im Sommer überwiegend auf der südlichen Teilfläche, im Winter auf der nördlichen Teilfläche aufhalten. Dort stehen ihnen neben vielen Bäumen auch zwei große Unterstände zum Schutz vor ungünstigen Witterungsperioden zur Verfügung. Hier findet in den Wintermonaten an verschiedenen Stellen auch eine Zufütterung mit Heu statt, das im Sommer auf Teilflächen der Koppel gewonnen wird. Tränken stehen das ganze Jahr über in den Mulden ausreichend zur Verfügung, sodass keine zusätzliche Wasserversorgung etabliert werden musste.

Mit einer Besatzstärke von etwa 0,6-0,8 Großvieheinheiten/ha finden die Tiere das ganze Jahr über ausreichend Futter. In Jahren mit knapperem oder auch höherem Aufwuchs wird die Anzahl jeweils angepasst. Das Pflegemanagement erfolgt in enger Abstimung zwischen der Gemeinde Lahntal als Trägerin des Projekts, der unteren Naturschutzbehörde, der Projektbetreuerin und dem Bewirtschafter. Ob in den nächsten Jahren zusätzliche Maßnahmen, wie z.B. die Entnahme von Gehölzen erforderlich sein werden, bleibt abzuwarten.

Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Bewirtschafter Rüdiger Ruf von der Agentur Naturentwicklung betreut.